Sie sind hier: StartseiteArtikel

Rede an die Hoffnungen der Gesellschaft

Herr Dresbachs Rede anlässlich der Entlassung der Abiturienten 2017

Liebe Abiturientinnen und liebe Abiturienten!

Herzlich Willkommen zu meiner Präsentation anlässlich Ihres Abiturs.

Meine Gliederung:

Zu Beginn möchte ich meine Leitfrage vorstellen. Sie lautet:

Abitur und was nun? Der Versuch einer Perspektivklärung.

Danach werde ich eine Begriffsklärung vornehmen.

Abitur – Was bedeutet das eigentlich?

Daran anschließend, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, werde ich versuchen Ihre Perspektiven nach dem Abitur zu erörtern.

Abschließend erfolgt die Gratulation.

Abitur – Was heißt das eigentlich?

Das Wort Abitur kommt aus dem Lateinischen und heißt soviel wie davon gehen oder abgehen wollen. Das Abitur bezeichnet in Deutschland den höchsten Schulabschluss, die allgemeine Hochschulreife. Mit dem Abitur haben sie die Berechtigung zum Studium an Universitäten und gleichgestellten Hochschulen erworben.

Davon Gehen oder Abgehen wollen, so lautet die lateinische Bedeutung des Wortes Abitur.

Lassen Sie mich sagen, dass in Ihrem Fall von wollen keine Rede mehr sein kann. Vielmehr müssen Sie nun abgehen, davon gehen.

Sie werden mit dem heutigen Tag gezwungen in eine neue Realität einzutreten, die im allgemeinen, im Gegensatz zur Schule, als das „Leben“ oder als das richtige Leben“ bezeichnet wird. Sie werden gewissermaßen in eine andere Galaxie „gebeamt“ .

Weg also aus dem behüteten Schoß der Schule. 

Welche Perspektiven hält das Leben, diese andere Galaxie für Sie bereit?

Lassen Sie uns also auf die möglichen, Ihre, Perspektiven blicken.

Von diesen vielen möglichen Perspektiven möchte ich zwei herausgreifen:

Die eine Perspektive ist einem persönlichen und die andere einem gesellschaftlichen Lebensbereich zuzuordnen.

Blicken wir zunächst auf die persönliche Perspektive.

Viele von Ihnen werden nach dem Abitur eine Ausbildung beginnen, ein Studium aufgreifen oder vergleichbare Bildungswege einschlagen:

Welche Perspektiven sind für Sie in diesem Bereich vorstellbar?

Meine Recherchen haben dazu folgendes Ergebnis erbracht:

a.   Sie enden als Studienabrecher

Aktuelle Studien des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung zeigen, dass an den Universitäten jeder dritte, an den FHs jeder vierte Bachelor-Student aufgibt. Also sein Studium abbricht.

b.   Sie erreichen einen Hochschulabschluss bzw. Fachhochschulabschluss. 2015 gab es z.B. Laut Stat. Bundesamt 317102 Studium-Erstabsolventen.

c.   Sie treten eine Duale Ausbildung (Lehre) an und beenden dies erfolgreich. 24% dieser Absolventen sind Abiturienten

d.   Sie machen etwas ganz anderes, etwas Außergewöhnliches. Sie kaufen z.B. HSV-Aktien und werden damit reich. Zugegeben - eine eher unwahrscheinliche Perspektive.

Die Perspektive, die sich auf den persönlichen Lebensbereich bezieht, beinhaltet noch einen weiteren Aspekt, den ich kurz beschreiben möchte. Dieser Aspekt wird häufig in seinem Verlauf als Normalität empfunden, vielleicht weil er gesellschaftlich immer noch konsensual ist. Neben diesem Verlauf sind allerdings ebenso andere, alternative Verläufe denkbar.

Häufig ist der Verlauf dieses Lebensbereiches Folgender:

1.   Sie finden einen Partner, eine Partnerin.

2.   Sie heiraten und pflanzen sich fort, Sie gründen eine Familie und tragen so zum Fortbestand der Sozialversicherungssysteme bei.

3.   Sie konsumieren und unterstützen auf diese Weise das wirtschaftliche Wachstum und tragen damit zum Wohlstand der Gesellschaft bei.

4.   Sie fahren häufig in Urlaub, um sich zu erholen und ihre Arbeitskraft zu regenerieren.

5.   Ansonsten arbeiten Sie und steigern das Bruttoinlandsprodukt und partizipieren am Wohlstand unserer Gesellschaft.

6.   Sie beziehen an Ihrem Lebensabend vielleicht eine Rente oder eine Pension.

7.   Dann ist irgendwann Feierabend.

Wenn ihr Leben so oder ähnlich verlaufen sein sollte, blicken Sie vermutlich auf ein glückliches und erfülltes Leben zurück, weil sie dieses zu großen Teilen selbst gestalten konnten. Sie dürfen sich freuen.

Die Grundlage dafür, dass Sie Ihr Leben selbstbestimmt gestalten und leben konnten, ist eine demokratische, friedliche, tolerante und wohlhabende Gesellschaft. Sie ermöglichte Ihnen dieses Leben.

Dies sollten Sie mit großer Dankbarkeit honorieren.

Seit dem Ende des 2. Weltkriegs verläuft das Leben vieler Menschen in der beschriebenen Art und Weise. In Frieden, Freiheit und Wohlstand zu leben ist eine selbstverständlich gewordene Realität, an deren Fortbestand kein Zweifel zu bestehen schien. Eine Utopie, die real geworden ist. So könnte man es beschreiben.

Dem aufgeklärtem Menschen, zu dem ich Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, zähle, werden aber Zweifel am Fortbestand dieser Utopie kommen, wenn ich nun auf die andere, die zweite, die gesellschaftliche Perspektive eingehen werde.

Sie heißt 9 Milliarden!!!

9 Milliarden Menschen werden auf der Erde leben, wenn Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, etwa so alt sind wie ich - 54. Wissenschaftler prognostizieren, dass die Weltbevölkerung etwa Mitte des Jahrhunderts, etwa 2050, diese Größenordnung erreicht haben wird.

Als ich 1982 Abitur machte, gab es nur 4 Milliarden auf der Erde.

Aus meiner persönlichen Sicht eines Biologen möchte ich Ihnen dazu folgendes sagen und auf dem Weg ins Leben mitgeben:

Ein weiteres Wachstum der Weltbevölkerung wurde bereits damals, als ich Abitur machte, von vielen Wissenschaftlern und ernstzunehmenden Politikern als nicht tragfähig für das Ökosystem Erde betrachtet. Die damals einsetzende und heute noch andauernde gesellschaftspolitische und wissenschaftliche Diskussion über die ökologischen Folgen dieses ungebremsten Wachstums der Weltbevölkerung brachten für die Menschen, insbesondere in Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern der Erde, einige Veränderungen im Alltag mit sich, die heute für Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, Normalität sind: Mülltrennung, energiesparende Haushaltsgeräte, Toilettenpapier aus Recyclingpapier, Einkaufen im Biosupermarkt, um nur einige Beispiele zu nennen.

Aber auch im politischen Bereich gab es Veränderungen, die heute noch erkennbar sind. Die Partei der Grünen wurde 1980 gegründet und alle anderen politischen Parteien haben seitdem in ihrem Parteiprogramm ebenfalls die nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft als politisches Ziel formuliert. Allerdings muss man feststellen, dass die Parteien das Erreichen dieses Zieles mit sehr unterschiedlichem Engagement verfolgen.

Lebewesen, so will ich als Biologe, die Menschen bezeichnen, benötigen als Lebensgrundlage bestimmte Ressourcen, saubere Luft, sauberes Wasser, Böden die man zur Nahrungsmittelproduktion bewirtschaften kann. Diese Ressourcen sind durch die intensive Lebensweise großer Teile der Menschheit nahezu weltweit in den letzten 70-80 Jahren, immer stärker gefährdet. Insbesondere die Gesellschaften in den Industrienationen tragen für diese Entwicklung die Hauptverantwortung. 

Ein Ergebnis dieser existenzgefährdenden Entwicklung ist letztlich die globale Erwärmung und der daraus resultierende Klimawandel.

Der Klimawandel verändert die Erde nicht nur in ökologischer Hinsicht, sondern er verändert auch die ökonomischen Strukturen von Gesellschaften. Das ist heute eine weltweit, außer von einem gewissen Donald T. anerkannte, weil wissenschaftlich belegte Tatsache.

Die Arithmetik, die sich aus der globalen Erwärmung ergibt, kennen Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, alle aus dem Unterricht. Verknappen sich in einer Population die Ressourcen, erhöht sich die Konkurrenz um die noch verbleibenden Ressourcen. Migrationsbewegungen, zunehmende Aggression zwischen den Individuen der Population, vermehrt auftretende Krankheiten sowie Nahrungsmangel sind die hinlänglich bekannten Folgen dieser Ressourcenverknappung.

Die Utopie, wie wir Sie bisher gelebt haben: Frieden, Freiheit, Demokratie eine weitgehend gerechte Verteilung des Wohlstandes, muss letztlich vor dem Hintergrund dieser Perspektive immer mehr in Frage gestellt werden. Sie ist in Gefahr.

Welche Rolle spielen Sie in diesem ganzen Szenario, liebe Abiturientinnen und Abiturienten?

Von Ihnen wünsche ich mir, dass sie eine neue, bessere Utopie Realität werden lassen, indem Sie nachhaltiger denken und handeln als die Generationen vor Ihnen. Wie bisher darf und kann es nicht weitergehen. Seien Sie bitte kreativ darin, anders zu denken. Beschreiten Sie neue Wege. Das wünsche ich mir für Sie und von Ihnen.

Warum darf ich mir das ausgerechnet von Ihnen wünschen?

Weil Sie im Laufe Ihres Schülerdaseins hoffentlich von der Schule mit Kompetenzen ausgestattet worden sind, die Sie befähigen in komplexen Zusammenhängen zu denken, Dinge differenziert zu bewerten, tolerant zu sein sowie nachhaltig zu handeln.

Weil Sie mit dem Erwerb des Abiturs zu einer privilegierten Minderheit gehören, die dazu in der Lage sein sollte.

Denn weniger als die Hälfte eines Jahrgangs beendet seine Schullaufbahn mit dem höchsten Abschluss – dem Abitur.

Und, so das Motto des Abiballs, weil Sie die Götter des Olymp sind und weil Götter alles möglich machen können.

Abitur – was nun ? lautete meine Leitfrage.

Das Leben hält nun für Sie, mit dem Erwerb Abiturs, viele neue Perspektiven aber auch große Herausforderungen bereit.

Sie haben es in der Hand, eine neue Utopie, ihre Zukunft, für sich persönlich aber auch für Ihre Mitmenschen lebenswürdig zu gestalten.

Im Sinne der Bedeutung des Wortes Abitur, gehen Sie nun davon, gehen Sie hinaus ins Leben, aber zunächst gehen Sie ab, feiern Sie sich und das Erreichte.

Ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zu Ihrem Abitur. 

 
 

Anmelden

iserv
November 2017
MoDiMiDoFrSaSo
44303112345
456789101112
4613141516171819
4720212223242526
4827282930123
 
 

Impressum | Kontakt