Am 11. Juli ging die Reise, raus aus dem sonnigen Hamburg und auf ins ferne Südamerika, endlich los. Die Freude auf das Wiedersehen mit den Austauschpartnern war groß, genau wie die Spannung auf die Gastfamilie, Santiago und überhaupt das ganze unbekannte Land.
Das erste Bild nach dem Verlassen des Flugzeuges war fremd und irgendwie beeindruckend: Santiago als graue Großstadt unter einer breiten Smogschicht und umgeben von schneebedeckten Anden.
Mein neues chilenisches Zuhause und meine Gastfamilie gefielen mir auf Anhieb sehr gut. Die ersten drei Wochen meines Chileaufenthalts waren erfreulicherweise die Winterferien in Santiago, sodass ich mit meiner Familie in den Süden Chiles reisen konnte. Dort habe ich in Idylle und Einsamkeit eine Woche entspannt, habe kleine Dörfer und einen Vulkan gesehen, und meine Familie besser kennen gelernt.
Die zweite Woche habe ich mit meinen Gastschwestern und 10 Freundinnen von ihnen in einer Wohnung am Meer in Vina del Mar verbracht. Die Woche war aufregend, sehr eng und chaotisch, lustig und außerdem „carrete”-reich!
In der dritten Woche fand ein schülerorganisiertes, soziales Projekt namens „Casa” statt, bei dem die Jugendlichen Holzhäuser für arme Leute bauen. Die Begegnung mit den Bedürftigen, in verwahrlosten Wellblechhütten lebenden, Familien war ziemlich erschütternd für mich. Diese Slums spiegeln ein ganz anderes Chile wieder und solche Armut hatte ich vorher noch nie gesehen. Einmal habe ich dort in einem „Supermarkt” drei Packungen Kekse, einen Schokoriegel und Kaugummi für weniger als einen Euro gekauft!
Die Schule war eigentlich ganz gut auszuhalten. Viele Schüler sprechen fließend deutsch, also gab es kaum Verständigungsprobleme. Erstaunt war ich über das Schüler-Lehrer-Verhältnis: freudige Umarmungen und Küsschen! In Deutschland völlig undenkbar.
Überhaupt wirkten die meisten Chilenen auf mich sehr freundlich, offen und hilfsbereit. Außerdem unpünktlich und chaotisch. Und Temperament haben sie. Manchmal ein bisschen zu viel. So als Blonde wurde ich oft angestarrt und dumm angemacht. Aber insgesamt gefallen mir die Chilenos gut!
Seltsam fand ich das Bus- und Taxi fahren. Buspläne sind nie vorhanden und der Bus hält nur, wenn man winkt. In ein Taxi hab ich mich mal, nach langem Gerede, mit sieben Mädchen reingequetscht.
Ein besonderes Erlebnis war die 11-tägige „Nordentour”. Mit dem Bus sind 80 Deutsche bis in die Atacama-Wüste gereist, in der es seit 2006 nicht mehr geregnet hat. Auf dem Hin- und Rückweg sind wir an imposanten Landschaften, an Geysiren und heißen Quellen, an Vulkanen und am Meer vorbeigekommen.
Meine Freundin hat Chile „Das Land der Kontraste” getauft! Ich finde, dass dies ein passender Name ist. Wüste im Norden, Eis und Schnee im Süden. Das Andengebirge im Osten und das Meer im Westen. Der große Unterschied zwischen Arm und Reich.
Ich hoffe sehr mal nach Chile zurückzukehren, Freunde wieder zu treffen und das Land noch ein bisschen besser kennenzulernen!
Leonie Malchow, S1