Ich bin Karindia Lovón Marcondes und bin zur Zeit in der 12. Klasse des Heinrich-Heine-Gymnasiums. Bevor das Jahr 2007 anfing, war für mich schon klar, dass ich es auf keinem Fall in Deutschland verbringen wollte. Ich musste weg, etwas ganz anderes tun, mal ganz anders denken und sprechen. Mal ein richtiges Abenteuer erleben, bevor ich “erwachsen” werde. Das gab mir Motivation auf einen Zeugnisdurchschnitt von 1,9 zu kommen (für meine Verhältnisse beachtlich, z.B. in Mathe auf 3 – für mich ein Weltwunder) und mit allen möglichen Jobs Geld dafür zu sparen. Als ich das Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung bekam, war es sicher: mein lang ersehnter Wunsch – ein Auslandsjahr in Japan – würde in Erfüllung gehen!
Ich fuhr mit der Austauschorganisation AFS von März 2007 bis Februar 2008 nach Tsukuba. Es liegt 60 km östlich von Tokio und ist eine kleine Stadt mit 200.000 Einwohnern, die meisten davon Wissenschaftler, weil Tsukuba eine Stadt ist, die auf Wissenschaften und Erziehung spezialisiert ist.
Ich kann mich noch ganz genau an meinen ersten Tag in der Gastfamilie erinnern. Ich war so aufgeregt, dass mir schlecht war. Schließlich sollte ich in einer unbekannten Familie, deren Mentalität ich noch nicht einmal kannte, ein ganzes Jahr leben. Ich habe mich immer wieder im Bus, auf dem Weg zur Familie gefragt, ob sie es ein Jahr mit mir, einem fremden Gast, aushalten werden. Auf jedem Fall konzentrierte ich mich darauf, mich von Anfang an ganz japanisch zu benehmen, zum Beispiel bei der Begrüßung meiner Gastfamilie – wie wir es in den Vorbereitungscamps gelernt hatten – auf keinem Fall die Leute zu umarmen, sondern mich höflich zu verbeugen und mich so oft wie möglich zu bedanken. Als ich mit zitternden Knien aus dem Bus ausstieg, kam meine Gastschwester auf mich zu und umarmte mich zu meiner großen Überraschung. Meine Gastmutter, meine andere Gastschwester und mein LP (meine Ansprechperson von AFS für eventuelle Probleme) kamen hinterher und taten das gleiche. So wurde ich herzlich empfangen und fühlte mich vom Anfang an nicht wie ein fremder Gast, sondern als Teil der Familie.
Die Familie war ohnehin schon sehr groß, zumindest für japanische Verhältnisse. Ich hatte eine 23-jährige Schwester, Koto, die mit AFS ein Jahr in Australien war. Mein Bruder, Sho, war 19 Jahre alt und auch mit AFS für ein Jahr in Australien. Meine zweite Schwester, Mimi, war 17 und war für ein Jahr in Deutschland. Nagomi war mein jüngster Bruder, er wurde 14 am Tag meiner Ankunft. Koto und Sho wohnten nicht mehr zu Hause und studierten in anderen Städten. Mimi wurde meine beste Freundin, zwar sprachen wir manchmal Deutsch, aber von ihr lernte ich auch die wichtigsten Sachen in Bezug auf die Mentalität, die mir kein anderer beibringen konnte, da ich am Anfang ja überhaupt nicht japanisch konnte (obwohl ich schon seit ein paar Jahren versucht hatte, mir etwas japanisch beizubringen). Meine Eltern waren sehr lieb, sie stellten mich anderen als ihre dritte Tochter vor und waren immer sehr geduldig mit mir.
Am ersten Tag in der Familie fuhren mein LP, Frau Numamoto, meine Mutter und ich zu meiner Gastschule, wo ich den Lehrer traf, der für mich zuständig war. Herr Mehdi, der aus Afghanistan stammt, war ein anstrengender Mensch und mein erstes großes Problem. Er kam mir bösartig vor, denn er verlangte unglaublich viel von mir, obwohl ich doch in den Schulferien angekommen war und dachte, ich könnte mich erst mal in Ruhe eingewöhnen. Von wegen, er überhäufte mich mit Arbeitsaufträgen und meinte, ich sollte bloß nicht glauben, ich könnte hier Urlaub machen. Ich musste Vorstellungen und Referate auf Japanisch ausarbeiten, mich auf Ausflüge, Rede-Wettbewerbe und Reden aller Arten vorbereiten. Ich war von Anfang an entschlossen, mein Bestes zu geben und war enttäuscht und wütend, dass er mich derart unter Druck setzte. Ich beschloss trotzdem mein Bestes zu geben, obwohl ich nahe daran war zu verzweifeln, noch bevor die Schule anfing…
Dann kam der Tag, den ich am liebsten überspringen wollte: Der erste Schultag. Wieder mit zitternden Knien und frisch ausgeliehener Schuluniform ging ich zum Lehrerzimmer und stellte mich den Lehrern auf japanisch vor, wie Herr Mehdi es verlangt hatte. Und damit nicht genug. Die ganze Schule war in der Sporthalle versammelt, die in Japan immer gleichzeitig als Aula dient. Fast 900 für mich noch gleich aussehende Schüler standen gerade in Klassen und Geschlecht aufgeteilt in der Aula und sangen die Schulhymne. Nach einer für mich nicht verständlichen Rede des Schuldirektors war ich an der Reihe und musste mich vor der ganzen Schule auf Japanisch vorstellen. Später kam ich in meine Klasse (nachdem ich eine kleine Rede vor meiner Stufe auf Japanisch halten musste) und war die Nummer 41, also 41. Schülerin meiner Klasse. Die ersten Schulwochen vergingen. Ich hatte mir das alles viel einfacher vorgestellt, ein Schuljahr in einem anderen Land. Doch es war sehr anstrengend. Die Schüler trauten sich nicht mit mir zu reden, da ich kein Japanisch konnte und wenn ich sie ansprach, dann starb die Unterhaltung schnell, denn sie konnten oder wollten kein Englisch reden. Nach der Schule war ich sehr erschöpft, weil ich den ganzen Tag hochkonzentriert versuchte etwas zu verstehen. Außerdem war ich nicht daran gewöhnt so lange in der Schule zu sein: Wir hatten Montags bis Freitags von halb neun bis 18 Uhr Schule und Samstags bis 16 Uhr. Da ich im Schulorchester Geige spielte, hatte ich nämlich noch zwei Stunden länger Schule. Aber auch wenn es anstrengend war, Orchester war wie eine Therapie, denn ich konnte einfach mal abschalten und Musik machen. Die Schulclubs in Japan werden von den Schülern sehr ernst genommen, sogar ernster als Unterricht. Dort herrscht Disziplin. Die Schüler machen – oft allein, ohne Lehrer – effizienten Unterricht in den Clubs. In unserem Orchester kam nur ein Mal in der Woche ein freiwilliger Lehrer oder seine Frau aus der Stadt. Sie waren wirklich sehr streng, aber auch professionell. Wenn sie nicht da waren, leitete uns die erste Geige unseres Orchesters, die in meiner Parallelklasse war, und alle gehorchten ihr und spielten nur wenn sie sollten. Die jüngeren Clubmitglieder benehmen sich älteren Clubmitgliedern gegenüber höflicher als zu ihren Lehrern. Sie verbeugen sich und benutzen auch ihnen gegenüber die höfliche Sprachweise (in Japan gibt es verschiedene Sprachweisen).
So verging die Zeit und ich gewöhnte mich an die Sprache. Nach einem Monat setzte mein Gastvater eine neue Regel in Kraft: Karin (so nannte man mich dort, weil es leichter auszusprechen ist) darf ab jetzt bei uns kein Englisch mehr sprechen!
Das schaff ich doch nie!, dachte ich. Wie sollte ich mich jetzt verständigen? Doch irgendwie klappte es dennoch! Da ich in der Schule sechs Mal in der Woche Japanischunterricht hatte (es gab Eltern der Schüler meiner Schule, die mir freiwillig Unterricht gaben) lernte ich die Sprache sehr schnell. Nach ungefähr vier Monaten konnte ich mich mit anderen normal unterhalten, ohne dass man mir ständig etwas übersetzen musste und so stärkte sich auch mein Selbstvertrauen, so dass ich einfacher auf Menschen zugehen konnte. Von da an flog die Zeit. Das letzte halbe Jahr war viel entspannter als das erste, auch wenn ich dort viel mehr Aufträge von Herrn Mehdi bekam. Ich konnte sie jetzt nämlich locker erledigen. Mit Mehdi freundete ich mich letztendlich auch an, denn er war doch kein bösartiger Mensch, außerdem erkannte er, dass ich kein fauler Mensch bin, so dass er aufhörte mich unter Druck zu setzen. In der Schule fingen manche Lehrer an mir Fragen zu stellen, was mich sehr erfreute, denn das gab mir das Gefühl dazu zu gehören (auch wenn ich nicht immer antworten konnte…). Auch im Kalligrafie-Kurs durfte ich endlich die selben chinesischen Zeichen malen wie die anderen, nicht wie davor nur einfach zu malende Zeichen, sondern auch ganze Schriftrollen.
Ich hatte Glück, denn meine Familie nahm sich Zeit und Geld um mir Japan zu zeigen und auch mit AFS reisten wir viel. So sah ich z.B. Kyoto, Yamanashi (wo der Fujiyama liegt), Yokohama, Osaka und noch viel mehr. In den Sommerferien fuhr ich mit meiner Familie sogar nach Hokkaido, da dort meine Gastgroßeltern wohnen. Nach Tokio fuhr ich mehrere Male und ich fand es immer wieder toll! Vor allem die voll gestopften Bahnen haben mir sehr viel Spaß gemacht. Leider habe ich keine Polizisten mit weißen Handschuhen die Leute in die Bahn reinstopfen gesehen. Doch man hat mir bestätigt, dass es diese zu bestimmten Uhrzeiten an bestimmten Orten gibt!
Bei AFS fand ich auch viele Freunde aus der ganzen Welt. Am lustigsten war, dass wir alle aus verschiedenen Ländern kamen und uns auf japanisch unterhielten.
Nach einem japanischen Sprachwettbewerb für Ausländer (wo ich den 3. Platz gewann) und einer Japanisch-Diplomprüfung (die ich nur ganz knapp mit viel Glück und Wunder bestand) stand mir nur noch ein Auftrag von Mehdi bevor: Abschiedsreden…
Die letzten Monate in Japan waren ziemlich stressig, ich schickte vier Pakete voraus, damit mein Gepäck in der 20 Kilo-Begrenzung blieb, löschte mein Bankkonto, machte mehrere Abschiedsfeiern und backte jedem, den ich dort kennen gelernt hatte, traditionelle brasilianische Süßigkeiten. Dadurch habe ich bemerkt, wie viele Leute ich eigentlich kennen gelernt und lieb gewonnen hatte in einem Jahr. Meine Gastfamilie war das Schönste in Japan und ich bin sehr glücklich, ihr begegnet zu sein.
Als ich erst mal nach Deutschland zurück kam, dachte ich, es wäre zu Ende und es würde alles wieder so sein wie früher. Doch es kam ganz anders. Ich kam als jemand ganz anderes zurück und sah auch alles anders. So kam es, dass ich in meiner eigentlichen Heimat erst mal einen Kulturschock erlitt. Ich brauchte mehr als einen Monat, um mich mehr oder weniger einzuleben (meine Familie ist während meiner Abwesenheit umgezogen, so musste ich mich erneut in ein neues zu Hause gewöhnen).
Was mich wahrscheinlich vom Einleben ablenkte, war wohl der enge Kontakt zu meiner Gastfamilie in Japan. Anfangs telefonierten wir täglich, schrieben E-Mails und schon in der ersten Woche schickten wir uns Briefe und Päckchen. Aber als ich fast verzweifelte, nachdem drei Tage „Funkstille” war, schlug meine Mutter vor, dass ich weniger anrufen sollte, damit ich mich in Deutschland wieder einleben kann. Es fiel mir sehr schwer, aber es klappte. Was mich vor dem ganzen Chaos rettete, war AFS. Ich fuhr mit AFS zu einem Nachbereitungscamp, das wirklich sehr wichtig für mich war. So erholte ich mich vollständig und fühlte mich auch nicht mehr als Fremde im eigenen Land.
Ich habe die deutsche Sprachmelodie wieder gelernt (und meine Stimme ein paar Oktaven runtergesetzt, was mir ziemliche Halsschmerzen machte) und auch die Fremdsprachen in der Schule, die ich anfangs gar nicht mehr konnte, kann ich inzwischen wieder ganz gut verstehen, wenn auch nicht mehr sprechen, wie ich es früher konnte (Französisch konnte ich anfangs einfach nicht vom Japanischen trennen, auch wenn die Sprachen sich überhaupt nicht ähneln und in meiner ersten Englischstunde in Deutschland habe ich erst mal kein Wort verstanden, was man mich fragte).
Insgesamt bewerte ich meinen Auslandsaufenthalt als unvergessliche Erfahrung und die Erinnerungen an dieses Jahr werde ich auf ewig wie einen Schatz in meinem Herzen bewahren. Ich empfehle jedem Menschen dieser Welt, einmal eine Zeit lang im Leben in die Fremde zu gehen. Dies eröffnet neue Perspektiven, man lernt sich selbst kennen und ein wenig von der Welt, in der man lebt und von den Menschen, mit denen man diese Welt teilt.